Eine Ode an das Transkribieren

Warum du mehr transkribieren solltest

Versteht man Musik als Sprache, sind die großartigen Themenbereiche, wie Skalen, Akkorde, Musiktheorie, Improvisation etc., die man hauptsächlich im Gitarren Unterricht lernt so etwas wie Grammatik, Aussprache und Vokabeln. Eine neue Sprache zu lernen macht man allerdings hauptsächlich deswegen um mit anderen Menschen kommunizieren zu können. Dazu sind die oben aufgeführten Element essentiell wichtig. Schwieriger wird es allerdings, wenn es darum geht, deine eigene Aussage zu formulieren oder zur jeweiligen Stilistik passend, zu phrasieren. Das Transkribieren meiner musikalischen Helden war schon früh Teil meines Übe-Programms und erst im Nachhinein habe ich gemerkt, auf wie vielen Ebenen mich dies massiv in meinem musikalischen, noch immer anhaltenden Werdegang beeinflusst hat. Um dir aufzuzeigen, was dir diese Vorgehensweise bringen kann, und um dich zu motivieren, gleich selbst eines deiner Lieblingsstücke zu transkribieren, dient dieser Artikel.

Training für die Ohren

Immer wieder kommt es mir unter, dass manche wirklich ernsthaft meinen, es reiche, von anderen transkribierte und notierte Soli zu lernen. Was hierbei vollkommen auf der Strecke bleibt, ist die Fähigkeit, etwas selbst mit den eigenen Ohren zu erarbeiten. Ohne Frage, am Anfang war es für alle schwierig, es sei denn man hatte das Glück mit absolutem Gehör geboren zu werden. Für alle, auf die dies nicht zutrifft, lasst euch gesagt sein, dass das Transkribieren an sich auch eine Fähigkeit ist, die man üben muss und die jeder bis zur Meisterschaft bringen kann. Am besten fängt man ganz rudimentär mit einfachen Melodien an. Singe den Anfangston einer Melodie und suche diesen dann auf deinem Instrument. Anfangs hatte ich ständige Bedenken, ob die Töne die ich erraten habe, überhaupt richtig sind. Es stellte sich im Nachhinein natürlich heraus, dass ich gerade in dem frühen Stadium keine hohe Trefferquote hatte. Das Ergebnis ist allerdings bei weitem nicht so wichtig wie der Prozess, den man hier einleitet. Durch regelmäßiges bewusstes Hören werden deinen Ohren trainiert und kontinuierlich schneller und besser im Erkennen von schon mal gehörten musikalischen Mustern.

Aufschreiben vs. Auswendig

Wenn es um das Notieren des bereits Gehörten geht, gibt es zwei Ansätze, die beide ihr Pro und Contra haben. Der Großmeister Pat Martino erzählte in einem Interview, dass er alle Soli und Songs die er sich über das Hören beigebracht hat, nie aufgeschrieben hat. Viel mehr wiederholte er diese so oft, bis er die jeweilige Line so tief in sich gespeichert hatte, dass er sie nie mehr vergessen würde. Ähnliche Erfahrung mache ich des öfteren in einem ganz anderen Lebensbereich: wenn es zum Beispiel um zu erledigende Aufgaben geht. Werden diese auf eine To-Do-Liste geschrieben, ist die Chance, dass ich mich nachher noch erinnere, eher gering. Habe ich allerdings den Mut, diese lediglich im Kopf zu speichern, kommen sie immer wieder als Erinnerung in mein Bewusstsein. Mein Gehirn muss sich also mit der Aufgabe beschäftigen, und kann sie nicht einfach in eine Ablage geben, da es sich ja um eine nicht erledigte Sache handelt. Eine ähnliche Erfahrung machte ich auch bei meinen Transkriptionen: Kaum notiert, habe ich sie auch schon wieder vergessen. Ganz anders verhält es sich allerdings, wenn ich mich dazu zwinge, sie selbst zu „speichern“. Wenn es also um Soli geht, bei denen ich mein „Lick-Repertoire“ auffüllen will oder es mir speziell um eine Art von Phrasierung geht bevorzuge ich eher diese Variante.

Korrektes Notieren nimmt mit dem technologischen Fortschritt ab. Während Komponisten wie Mozart, ganze Werke in der Kutsche, also komplett ohne Referenzinstrument, schreiben konnten, ist man heutzutage oftmals froh, wenn in Leadsheets die richtige Akkordmodalität zugewiesen ist. Mitten im angehenden digitalen Zeitalter hätten wir allerdings so viele Werkzeuge, die es uns ermöglichen würden, schnell Feedback über das gerade Aufgeschriebene zu geben. Mein Notierungs-Programm ist in der Lage sofort wiederzugeben, was ich gerade notiert habe, somit kann ich auch so lange meine Transkribtion verfeinern bis sie meiner Meinung nach stimmt. Das ist schon mal ein großes Plus für das „Aufschreiben“. Außerdem ist Papier geduldig, oft krame ich in meinen Archiven nach bereits gemachten Transkribtionen zur Analyse oder zur Erweiterung meines persönlichen Improvisations-Repertoires. Durch stetiges Notieren sieht man dann auch den gewaltigen Fortschritt, den man unweigerlich macht, da auch das Notieren wie auch das Hören geübt werden muss. Wie beim Schreiben, empfiehlt es sich auch beim Notieren mal ein paar Tage Pause zu machen um dann noch einmal kritisch zu begutachten, ob alles „tonal“ und hinsichtlich der Notation rechtens ist. Außerdem schicke ich meine Transkribtionen immer gerne an Mitmusiker meines Vertrauens. Die haben einen garantiert frischen Blick auf die Dinge und weisen dadurch immer schnell auf etwaige Fehler und Unklarheiten hin.

Software Hilfestellungen

Mittlerweile gibt es mehrere tolle App- und Softwarelösungen die einen beim Transkribieren das Leben wahrlich ganz schön erleichtern können. Fast schon jedes kann das Tempo drosseln, ohne dass dabei die Tonfrequenz tiefer wird. Vor allem beim Heraushören von schnellen Lines erweist sich dies als sehr hilfreich. Ein absolutes Muss ist die Darstellung des Audiofiles in Wellenform. Wenn du versuchst, mit Hilfe von Sekundenangaben und Zurückspulen in einem Standard-Audioplayer etwas zu transkribieren, wirst du schnell sehen, dass dies mehr als unpraktikabel ist. Mit der Wellenform-Darstellung kannst du nicht nur die einzelnen Melodien sehen, anhand der unterschiedlichen Ausschläge, sondern auch direkt von einem x-beliebigen Punkt starten. In Kombination mit einem Programm, welches noch dazu einen bestimmten Teil in einer Endlos-Schleife wiedergeben kann, ist dies ein wahrer Segen für alle Transkribierenden. Mein Transkribtions-Programm hat außerdem die Möglichkeit unterschiedliche Marker zu setzen. Somit kann ich bestimmte Teile, wie zum Beispiel A-Teil, Verse etc., bis hin zu Taktschlägen markieren. Gerade wenn man nach ein paar Tagen Pause sich wieder an einen Song wagt beschleunigt dies den „Work-Flow“ massiv.

Immer noch meine unangefochtene “Transkribtions-Software” Nummer #1:

transrkibtion software transcribe

Screenshot: Software Transcribe!

Analyse

Nehmen wir an, alles wurde von uns gut transkribiert, notiert und wir können es gut auf unserem Instrument wiedergeben. Jetzt geht es darum, mit Hilfe von musiktheoretischer Analyse zu verstehen, um was es sich genau handelt. Dadurch können wir auch im Kontext sehen, warum etwas so klingt, um es dann in unterschiedlichen Lagen auszuprobieren. Bei Improvisations-Lines ist es für mich gerade auf der Gitarre extrem wichtig zu sehen, welche Funktionstöne verwendet werden, und wie ich diese bestimmte Tonreihenfolge in verschiedenen Lagen spielen kann. Gerne picke ich mir einzelne Töne heraus und verändere diese nach meinem Belieben. So entsteht eine Vielzahl an Möglichkeiten, die meinen eigenen „Improvisations-Werkzeugkasten“ auffüllen. Faszinieren dich bestimmte Akkord-Voicings, bestimme genau um was für ein Voicing es sich handelt, also welche Funktionstöne es beinhaltet, welche Modalität es ist etc. und wende es dann in bereits erlernten Songs, die du in deinem Repertoire hast an.

Resümee

In der heutigen schnelllebigen Zeit, wo wir als Musiker gerade zu durchlöchert von musikalischen Input und Tutorials werden, ist es umso wichtiger, solche fundamentalen Fähigkeiten wie das Transkribieren in seinen Musik-Alltag zu integrieren und stetig zu verbessern. Sie bilden das Fundament unserer musikalischen Weiterbildung und decken große Themenbereiche ab. Aufgrund des massiven Umfangs, konnte ich nur einige Themen leicht ankratzen. Ich wollt hier allerdings einen Eindruck vermitteln wie vielschichtig die Vorteile bei dieser Vorgehensweise sind. Wenn du mal nicht weiter weißt, gibt es viele ausgebildete Musikerinnen und Musiker, die dir sicherlich gerne bei deinen Problemen weiter helfen.
Bei weiteren Fragen oder Erfahrungsberichten würde ich mich freuen wenn du diese unterhalb in der Kommentier-Funktion abgibst.

Von | 27. April, 2018|

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